Das Buch Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. handelt von einem Selbstversuch des Investigativjournalisten Felix Hutt ein ganzes Jahr den Alkohol weg zu lassen. Ohne groß spoilern zu wollen, ist ihm dieses Experiment nicht wirklich gelungen. Das, was ich als Rückfall betiteln würde, nennt Hutt im Buch Joker oder Ausnahme. Dass der Autor mit diesen Jokern im Hinterhalt an dieses Experiment ran gegangen ist, das hätte ich als Leserin gerne vorher gewusst; auch weil ich denke, dass es demnach unter einem falschen Titel verkauft wird. Denn wenn ich als Mensch, die sich im Vorfeld überhaupt nicht über das Buch informiert hat, auf diese ganzen Joker-Situationen stoße, kann das einen als abstinent lebende Person ganz schön aus der Bahn werfen. Vielleicht hätte man diese Textstellen mit einer Triggerwarnung oder ähnlichem versehen können? Ich denke, dass man als Autor oder Autorin eine gewisse Verantwortung gegenüber der vermeintlichen Zielgruppe hat, wenn man sein Buch unter solch einem Titel veröffentlicht. Diese Textstellen haben mich beim Lesen tatsächlich irritiert. Demnach ist dieses Buch nicht als typisches QuitLit-Buch zu werten.
Nun sind mittlerweile ein paar Tage ins Land gestrichen, seitdem ich das Buch gelesen habe und mein Gemüt hat sich auch wieder beruhigt und heute denke ich, dass die Art und Weise, wie Felix Hutt seinen Weg in die Nüchternheit gefunden hat, wohl einfach von diesen vielen Rückfällen geprägt war. Jeder Mensch ist anders und jeder Weg in die Abstinenz ist so individuell, wie wir selbst. Seine Geschichte zeigt auf, dass du nach einem Rückfall nicht gleich wieder bei null anfängst. Denn du hattest ja auf den Weg dorthin schon einige Erkenntnisse gesammelt und etwas über dich gelernt. Insofern gefällt mir an dem Buch, dass er seinen Weg so authentisch dargestellt hat. Zudem hatte ich mir das Buch auch bestellt, weil ich mal etwas über einen Mann lesen wollte. Denn der Weg für einen Mann in die Nüchternheit sieht meines Erachtens anders aus als für Frauen. Das hängt mit den Männerbildern zusammen, die wir alle im Kopf haben: mit toxischer Männlichkeit, natürlich auch damit aus welcher Generation wir entstammen und vor allem auch aus welcher Generation unsere Eltern entspringen. Denn die Menschen, bei denen wir aufwachsen, prägen uns in ihrer Vorbildrolle, ob wir das wollen oder nicht. Ich glaube, dass der Weg, den Felix Hutt genommen hat, vermutlich für viele Männer so passend ist. Besonders auf den letzten Seiten spüren wir als Leserinnen und Leser ziemlich deutlich, wie sehr ihm diese abstinente Lebensweise zusagt. Er berichtet über die ganzen Vorteile, die es vor allem für sein Sportler-Dasein hat. Dies hat mir bei dem Buch imponiert.
Das größte Learning, das ich aus diesem Buch ziehe, ist der Begriff Delay Discounting [S. 90]. Ich habe Delay Discounting schon sehr oft wahrgenommen, hatte aber noch nie einen Namen dafür. Es bedeutet so viel wie verspäteter Rabatt, also eine Vergünstigung, die erst später in unserem Leben eintritt und sich für uns auszahlen wird. Damit meint Hutt, wenn wir jetzt auf die Rauschzustände mit den ganzen Dopamin-Ausschüttungen, die durch Alkohol- oder vielleicht auch Zuckerkonsum verursacht werden, verzichten, dann erwarten wir langfristig dafür regelmäßige kleine Rauschzustände, die sich positiv auf unser Glücksempfinden und unsere Langzeit-Zufriedenheit auswirken. Denn so versetzen wir unser Gehirn dazu in die Lage von selbst im gesunden Maße für diese kleinen Dopamin-Ausschüttungen in unserem Alltag zu sorgen. Also langfristig haben wir somit ein glücklicheres, stabileres Leben. Delay Discounting ist für mich der Begriff der Stunde; er gefällt mir sehr gut.
Kann ich das Buch empfehlen ja oder nein?
Jein. Wenn ich das Buch ganzheitlich aus der ganzen QuitLit-Szene entferne, dann kann ich das Buch empfehlen. Hutt hat es kurzweilig und unterhaltsam geschrieben. Wenn man es bis zum Ende liest, bekommt man große Lust auf Abstinenz.
Nichtsdestotrotz habe ich an vielen Stellen gespürt, wie sehr er noch kämpft und wie krampfig sich Abstinenz besonders in seinem ersten nüchternen Jahr für ihn angefühlt haben muss. Ich denke, dass sein persönliches Umfeld da eine gewisse Rolle gespielt hat. Denn Hutt musste das, so wie ich auch damals vor 11 Jahren, alleine durchziehen. Es gab keinen guten Freund, der ihm auf die Schulter geklopft hat und ihn in seiner Entscheidung zur Abstinenz bestätigt hat. Er ist auch in keiner mir bekannten Sober-Community oder ähnlichem drin. Er hat sozusagen sein erstes Jahr in seinem Baby-nüchtern-Dasein beschrieben, wo er selbst ohne allzu große Hilfestellung noch auf wackeligen Beinen stand. Zudem hatte er sich zu Beginn seines Abstinenzjahres von seiner Frau getrennt, was einem zusätzlich noch den Boden unter den Füßen wegziehen kann. D.h. er hatte innerhalb dieses ersten Abstinenzjahres einiges an Baustellen zu meistern und aufzuräumen.
Irgendwo habe ich gelesen oder gehört, dass er nun seit über zwei Jahren nichts mehr trinkt. Das heißt, auch wenn sein erstes Jahr eher holprig verlaufen ist, bleibt er ja trotzdem der Sache treu. Er geht eben seinen eigenen, ganz individuellen Weg in die Nüchternheit. Ich bin froh, dass er dem ganzen Thema eine Männer-Perspektive verleiht und darüber so offen schreibt. Deswegen kann ich das Buch vielleicht jemanden empfehlen, der sich in seiner Entscheidung für die Abstinenz noch nicht so ganz sicher ist. Denn diese Menschen nimmt Hutt mit seinen Schilderungen gewiss gut mit. Aus den genannten Gründen vergebe ich 3,5 von 5 Sternen.
Falls du nun neugierig auf das Buch geworden bist, so findest du es in jedem Buchladen deiner Wahl oder auch online zum Beispiel hier:
Ich danke dem Goldmann Verlag für die Zusendung dieses Rezensionsexemplars.