Anlässlich der NACOA-Aktionswoche, die dieses Jahr unter dem Motto „Ich werde laut“ statt findet, möchte ich dir heute ein Buch für Kinder aus suchtbelasteten Familien vorstellen. Denn um laut zu werden bzw. seine eigenen Bedürfnisse artikulieren zu können, bedarf es einer guten Kommunikation. Kinder brauchen eine Sprache und Worte, um für sich einstehen zu können; vor allem wenn sie in Familien hinein geboren werden, in denen ihre Bedürfnisse vermeintlich nicht an erster Stelle stehen. Deswegen bin ich sehr froh, dass es mittlerweile auch Bücher für Kinder aus suchtbelasteten Familien gibt. Das Buch, um das es heute gehen soll, heißt Dani und die Dosenmonster und wurde von Paula Kuitunen geschrieben. Das Buch verfügt im hinteren Bereich auch über einen Fachteil, welcher von dem Diplom Psychologen Sören Kuitunen-Paul geschrieben wurde. Die Beiden sind ein Ehepaar.
Inhaltlich handelt das Buch von dem regelmäßigen und hohen Alkoholkonsum eines arbeitslosen Vaters, der sich in der Geschichte vorrangig alleine um seinen Sohn Dani kümmert, weil die Mutter wochenenlang auf Dienstreise ist. Dani ist schon im Grundschulalter und im Buch wird deutlich, dass er mit der Alkoholsucht seines Vaters zunächst alleine klar kommen muss bis es eskaliert und Dani den wichtigen Schritt unternimmt sich bei seiner Tante Hilfe zu suchen. Diese Tante sagt in dem Buch, den für mich alles entscheidenden Satz: „Es ist für ein Kind eine unzumutbare Aufgabe, gegen eine ganze Armee von Dosenmonstern anzugehen.“ Denn Danis Vater trinkt vorrangig Dosenbier. Anhand dieses Satzes wird gut vermittelt, wo die Grenzen der Kinder liegen.
Ich lese solche Bücher gerne mit meinen Kindern, 5 und 7 Jahre alt, um zu schauen, wie sie auf den Inhalt reagieren und welche Fragen bei ihnen aufploppen. Ich hatte den Eindruck, dass die Geschichte meine Beiden ziemlich intensiv beschäftigt hat. Vor allem die Bildsprache hatte es ihnen angetan. Als ich das Buch mit den Kindern las, sagte meine Tochter: „Sowas gibt es bei uns nicht. Wir sind hier in Sicherheit.“ Ich fand es interessant, dass sie gleich von Sicherheit sprach, weil sie anhand der Geschichte und vor allem der Bildsprache sofort verstanden hat, dass das eine sehr unsichere Situation war, in die Dani da geraten ist, als es von der Schule heim kam und seinen Vater so vorfinden musste. Mit einem Zuhause voller Geborgenheit hatte das nichts mehr zu tun. Aber vielleicht liegt in der Aussage meiner Tochter auch ein Kritikpunkt an der Geschichte. Das Buch wurde 2019 veröffentlicht, also vor sechs Jahren und das mit dem Dosenbier, das passt nicht mehr so ganz in die heutige Debatte um Menschen mit Suchterkrankungen. Das Klischee des arbeitslosen Alkoholikers, der den ganzen Tag nur Dosenbier trinkt, ist überholt. Ein Bild, was zumindest in meiner eigenen persönlichen Lebensrealität vorkommt, wäre zum Beispiel das der alleinerziehenden „Wine Mom“ bzw. sie muss auch gar nicht alleinerziehend sein. Aber es geht mir hier um die Mütter, die im Alltag funktionieren müssen. Die, die aufgrund des patriarchalen Mutterbildes, das in vielen Beziehungen heute noch gelebt wird, sich um alles kümmern müssen. Damit meine ich diese Herausforderung die eigene Erwerbstätigkeit, die Hausarbeit und die Kinderbetreuung zusammen unter einen Hut zu bekommen. Denn diese Frauen haben oft nicht mehr die Zeit für ein Yoga-Retreat oder für den Sauna-Besuch mit der Freundin und wählen dann nach einem hektischen Tag eher die Abkürzung über den Rotwein, der gerne auch mal als Kochwein fungiert und sofort ins Blut schießt. Insofern wäre ein Hinweis an die Kinderbuchautoren unserer Zeit Alkoholprobleme auch mal auf die Mutter zu projizieren, weil das tatsächlich in meiner eigenen Realität vermehrt vorkommt.
Nichtsdestotrotz hat mir bei dem Buch imponiert, dass an einer bestimmten Textstelle klar wurde, dass das in dem Moment nicht Danis Vater ist, der so handelt, sondern seine Sucht, hier verbildlicht durch die Dosenmonster. Denn die Dosenmonster haben dafür gesorgt, dass Danis Papa nicht mehr da ist:
… je mehr Dosen es wurden, desto weniger Papa fand er zu Hause wieder.
Dem Betroffenen wird somit seine Würde gelassen und das Buch wirkt somit auch entstigmatisierend auf seine Familienangehörigen.
Was an der Seitengestaltung vor allem auf der letzten Seite wirklich gut gelungen ist, ist, dass sie zu einem offenen Gespräch mit den Kindern einlädt. Denn dort wird anhand von Danis Geschichte illustriert, über welche eigenen Ressourcen er verfügt, also: Was gibt ihm Kraft, was gibt ihm ein positives Lebensgefühl, was macht ihm Spaß und womit verbringt er gerne seine Freizeit? Zudem wird veranschaulicht, an welche Menschen er sich wenden kann, wenn es mal schwierig wird. Insofern ist dieses Buch zum Beispiel ideal für Erzieherinnen und Erzieher oder für Menschen in anderen pädagogischen Lehrberufen, die Auffälligkeiten im Elternhaus des Kindes beobachten. Denn Danis Geschichte hat hier tatsächlich das Potential als Türöffner zu fungieren. Überdies schließt das Buch auch mit einer Übung für das Kind ab, was eine wunderbare Gesprächsgrundlage darstellt. So lernen die Kinder, wo sie sich im Bedarfsfall Hilfe holen können.
Fazit:
Dani und die Dosenmonster ist ein gelungenes und wertvolles Buch, das in keiner Kinderbibliothek mehr fehlen sollte. Denn dadurch, dass es so gut veranschaulicht über welche Ressourcen Kinder verfügen, ist es auch hilfreich für Kinder, die nicht aus einer suchtbelasteten Familie stammen. So kann es zum Beispiel auch bei Mobbing oder anderen Ausgrenzungserfahrungen helfen. Aus den oben genannten Gründen vergebe ich vier von fünf Sternen.
Ich danke dem Mabuse-Verlag für das Rezensionsexemplar. Ich bin sehr froh, dass es solche wertvollen Kinderbücher gibt.
Falls du neugierig auf Dani und die Dosenmonster geworden bist, findest du es in jedem Buchladen deiner Wahl oder auch online:
Weitere Kinderbücher zum Thema gibt es auf der Seite von NACOA Deutschland: